Zwei Arbeiter in Sicherheitswesten untersuchen Spuren in der ehemaligen archäologischen Ausgrabungsstätte Lager Liebenau.

Foto: Barbara Stelzl-Marx

Graz Museum Sackstraße | Mi., 17.06.2026 | 18:00 Uhr

Unter der Grasnarbe. Spuren des ehemaligen Lagers Liebenau

Vortrag von Barbara Stelzl-Marx

Im Frühjahr 2017 stieß ein Bautrupp bei Grabungen für das Murkraftwerk in Graz auf Mauerteile und eine Treppe. Sie gehörten zum ehemaligen Lager Liebenau, dem größten NS-Zwangsarbeiterlager in Graz. Der Komplex war im April 1945 zudem eine Station ungarischer Jüdinnen und Juden auf ihren Evakuierungsmärschen ins KZ Mauthausen – mindestens 34 Personen wurden in Graz-Liebenau erschossen. Nach dem Prozess vor einem britischen Militärgericht 1947, bei dem wegen Kriegsverbrechen zwei Todesurteile ausgesprochen wurden, wuchs – im wahrsten und im übertragenen Sinne des Wortes – Gras über das Areal. Wo sich einst Baracken befunden hatten, entstanden Wohnhäuser und öffentliche Einrichtungen. Für Jahrzehnte geriet dieses dunkle Kapitel der Grazer Zeitgeschichte weitestgehend in Vergessenheit.

Im Zuge der Diskussionen um das geplante Wasserkraftwerk rückte das Lager Liebenau unerwartet ins Zentrum des – auch medialen – Interesses. So stellte sich die Frage, welche Reste dieser NS-Einrichtung im Verborgenen noch vorhanden und vor allem, ob hier noch Opfer bestattet waren. Das Lager Liebenau ist zwar auf den ersten Blick unsichtbar geworden, doch seine Spuren sind subkutan vorhanden, eingebrannt in den Boden und in die Biografien. Im Rahmen des Vortrages begibt sich Barbara Stelzl-Marx auf eine Spurensuche durch diesen Ort verdichteter Geschichte und analysiert dabei aktuelle Vermittlungsformen. Denn Geschichtserzählung hat immer auch mit Gegenwart zu tun.

Barbara Stelzl-Marx ist Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz.

Davor um 17 Uhr gibt es eine Führung durch die Ausstellung Lager Liebenau. Ausgraben und Erinnern statt.