Dem Vergessen entrissen
Digitale Ausstellung – Lager Liebenau. Ausgraben und Erinnern

Das Lager Liebenau war zur Zeit des Nationalsozialismus nicht nur ein Lager für Umsiedler*innen und Zwangsarbeiter*innen, sondern auch ein Tatort von nationalsozialistischen Verbrechen. Zwischen 1940/41 und 1945 waren in den hier befindlichen Holzbaracken Tausende Menschen aus verschiedenen Ländern untergebracht, der Großteil gegen ihren Willen.
An diese Menschen erinnern die unzähligen Objekte, die im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 2017 bis 2022 gefunden und der Stadtarchäologie Graz am Graz Museum übergeben wurden. Andere Gegenstände erzählen aber auch von der Zeit bevor sich hier das Lager befand und wieder andere von den Jahren nach 1945.
350 dieser Objekte konnten im Rahmen des vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport geförderten Projektes „Dem Vergessen entrissen – Digitalisierung persönlicher Objekte aus dem Bereich des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Liebenau“ (Kurztitel: Liebenau 3D) in der Förderschiene „Kulturerbe Digital“ bearbeitet werden. Die ausgewählten Objekte wurden mittels 3D-Scanner erfasst, digital fotografiert und inventarisiert.
Jeder Fund erzählt eine Geschichte. Manche offenbaren sie auf den ersten Blick, andere erst nach genauer Betrachtung. Kämme, Zahnbürsten und andere Hygieneartikel, aber auch Schuhe, Knöpfe, Geschirr und Besteck sowie Kinderspielzeug, Dekor- und Gebrauchsgegenstände wirken zunächst unscheinbar. Doch gerade sie erzählen von den Menschen, die hier lebten, von ihrem Alltag, ihren Hoffnungen und den Bedingungen, unter denen sie leben mussten. Sie bewahren Erinnerungen, auch dann noch, wenn die Zeitzeug*innen selbst nicht mehr davon berichten können. Archäolog*innen werden so zu Vermittler*innen zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Sie entschlüsseln die „Sprache“ der Objekte und machen ihre Geschichten wieder lesbar.
Die folgenden Funde erzählen die wechselvolle Geschichte des historischen Ortes „Lager Liebenau“. Sie führen von der Zeit vor der Errichtung des Lagers über seine Nutzung als Lager für Umsiedler*innen und Zwangsarbeiter*innen bis in die Nachkriegszeit. Anhand der Objekte werden die Spuren der nationalsozialistischen Gewalt- und Ausgrenzungspolitik ebenso sichtbar wie die Veränderungen des Ortes nach 1945. Doch nicht jedes Objekt gibt seine Geschichte bereitwillig preis. Unsere „Mystery Objects“ stehen stellvertretend für die Herausforderungen der zeitgeschichtlichen Archäologie an einem historisch wechselvollen Ort: Sie werfen Fragen nach ihrer Funktion, ihrem Zusammenhang und den Menschen hinter ihnen auf und zeigen, dass Vergangenheit nicht immer vollständig entschlüsselt werden kann.
Vor dem Lager
Bevor im Winter 1940/41 das Barackenlager errichtet wurde, befand sich an dieser Stelle, östlich der Mur, Brachland, das im Nordosten durch die Schönau- bzw. Kirchnerkaserne und im Nordwesten durch eine Düngemittelfabrik (heute Seifenfabrik) begrenzt wurde. Südlich und östlich standen nur einzelne Häuser.
Laut zeitgenössischen Zeitungsberichten lag um 1900 südlich der Düngemittelfabrik an der Mur eine Mülldeponie, was das Vorhandensein von Gegenständen des späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts in diesem Bereich erklären könnte. Ein paar der älteren Objekte könnten aber auch mit dem Lager in Verbindung stehen, da sie von den hier untergebrachten Menschen aus deren Heimat mitgebracht worden sein konnten.
Um 1800 setzte sich in Graz das Tabakrauchen in einer Pfeife gegen den Schnupftabak durch. In Lokalen konnte sich Mann (bei Frauen galt Rauchen als unschicklich) eine mit Tabak gestopfte Pfeife mieten. Die Idee dazu stammt aus Wien, weshalb diese „Wiener Kaffeehauspfeifen“ genannt werden. Sie bestanden aus einem langen, hölzernen Pfeifenrohr mit Mundstück und einem verzierten, sechseckigen Kopf aus weißem Pfeifenton. Westerwälder Pfeifenbäcker entwickelten die Form für den Markt im Habsburgerreich. Ihr Vorkommen im Lagerkontext ist unklar, sie wurde in einem aufgefüllten Bombentrichter mit weiteren Objekten gefunden.
Das Lager 1940/41-1945
Im Winter 1940/41 kamen die ersten Umsiedlerfamilien, meist aus der Bukowina (heute: Ukraine und Rumänien), in das Lager. Schon bald darauf wurden zudem Zwangsarbeiter*innen vor allem aus Frankreich, Italien und aus dem Osten hier untergebracht, die zum großen Teil im Werk der Steyr-Daimler-Puch-AG, das am gegenüberliegenden Flussufer lag, arbeiten mussten. Für sie wurde 1942 der Puchsteg als Brücke über die Mur errichtet.
Im Lager herrschte eine auf „rassisch-ideologischen“ Grundsätzen basierende Hierarchie, die vor allem Bewohner*innen aus dem Osten benachteiligte. Anfang April 1945 wurde das Lager auch Schauplatz der letzten Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes. Es war eine Station auf dem Todesmarsch von Jüdinnen und Juden aus Ungarn, die vom „Südostwall“ nach Mauthausen und Gunskirchen getrieben wurden. Die Gefangenen mussten im Freien übernachten, erhielten kaum Nahrung oder medizinische Versorgung. Mindestens 34 Menschen wurden im Lager ermordet und in Massengräbern verscharrt.
Kämme werden seit ihrem ersten Auftauchen vor rund 10000 Jahren für die Körperhygiene verwendet. Ursprünglich dienten sie zum Entfernen von Ungeziefer und Schmutz aus Haaren und Bart, erst später wurden sie für Frisuren verwendet. Ein Kamm besteht immer aus einem Griff und Zinken, die in verschiedenen Abständen zueinander und unterschiedlichen Längen angebracht sein können. Je feiner die Zinken, desto eher diente der Kamm der Entfernung von Ungeziefer, während mit den groben Zinken gröberer Schmutz entfernt werden konnte. Der Zustand des Kamms aus dem Lager Liebenau spricht für eine häufige Benutzung.
Nach dem Lager
Nach Kriegsende wurden die Holzbaracken als Flüchtlingslager genutzt. 1947 kaufte die Stadt Graz das Gelände samt aller Gebäude sowie den Puchsteg, der 2019 abgerissen und weiter nördlich neu errichtet wurde. Die Lagerbaracken wurden sukzessive durch Holzbauten ersetzt, um die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre zu lindern; dabei blieben die für das nationalsozialistische Lager angelegten Straßenzüge erhalten.
Die neue Siedlung am Grünanger, wie das Areal nun hieß, galt lange als benachteiligtes Wohngebiet. Von 1999 bis 2006 wurden die alten Gebäude saniert und weitere neu errichtet. Die Siedlung wurde verdichtet, wobei man Konzepten für ökosozialen Wohnbau folgte. 2017 begann eine umfassende Modernisierung mit der Errichtung neuer Gemeindewohnungen.
Das Gebiet des ehemaligen Lagers ist heute ein dicht bebautes Wohngebiet, und ein Ort für Sport- und Freizeitaktivitäten mit einem Stadtstrand, Tennisplätzen, Parkanlagen, einem Heimgartenverein und einem Jugendzentrum.
Die Plakette zierte den Rahmen eines Fahrrads der Marke „CITY“, das 1937 im Puchwerk in Graz hergestellt worden ist. Es zeigt außen umlaufend den Firmennamen „Steyr-Daimler-Puch AG“ und innen die Markenbezeichnung. Fahrräder dieser Marke gab es in Herren- und Damenausführung. Vor dem „Anschluss“ 1938 wurden alle Fahrräder der Steyr-Daimler-Puch AG in Graz hergestellt, danach erfolgte schrittweise die Umstellung auf eine Rüstungsproduktion. In den beiden Puchwerken waren bis 1945 mehrere tausend Zwangsarbeiter*innen beschäftigt, die in den Lagern Liebenau sowie Murfeld I und II untergebracht waren.
„Mystery Objects“
Archäologische Funde lassen sich nicht immer auf den ersten Blick identifizieren. Manchmal ist die korrekte Bestimmung nur durch langwierige Recherchen oder die Hilfe von Restaurator*innen, die Hinweise auf Herstellungsmerkmale oder Materialien liefern, möglich.
Die hier gezeigten Objekte, die aus dem späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert stammen, haben die Archäologinnen der Stadtarchäologie Graz längere Zeit beschäftigt, da sie nur fragmentarisch erhalten geblieben sind.
Wenn Gegenstände, die nur etwas mehr als 100 Jahre alt sind, nicht immer sofort bestimmt werden können, verwundert es auch nicht, wenn Gegenstände, die hunderte oder tausende Jahre alt sind, manchmal bis heute Rätsel aufgeben.
Es handelt sich um einen zweiteiligen, zylindrischen Gegenstand aus Buntmetall, der stark korrodiert ist. Ein Teil besitzt einen Griff auf der Außenseite und Löcher auf der Innenseite, der andere Teil ist auf einer Seite offen und zeigt auf der anderen, geschlossenen Seite Löcher.
Die Funktion und nähere Datierung des Gegenstands sind unbekannt. Er wurde in einer Abfallgrube im Westen des Lagerareals gefunden. Diese Grube wurde nach Kriegsende angelegt und in den 1950er Jahren noch einmal erweitert.
Gefördert durch das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport und NextGenerationEU.
